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Reisebekanntschaften
#2
„Dann hätte ich aber das Vergnügen ihrer Gesellschaft versäumt.“  Danteslav bietet ihr seinen Arm an. „Wollen wir in den Saloon gehen?“ fragt er Lucie.
 „Lassen Sie unser Gepäck bitte vorsichtig ins Hotel bringen.“ Wendet er sich an den Kutscher  und wirft ihm ein Goldstück zu. Fast automatisch beißt dieser darauf, um seine Echtheit zu testen. Dabei sieht er kaum so aus, als würde er Gold schon einmal gekostet haben.

   

„Mit Vergnügen mein Herr.“ Verbeugt er sich und geht zum Stall hinüber, um ein paar der Burschen zum Tragen zu holen.
Lucie Carpek und Danteslav Orlok schlendern derweil zum Saloon hinüber. Sicher ist Danteslav klar, dass es höchst unpassend wäre, hier seinen gewohnten Speiseplan einzuhalten. Zumal das Dorf kaum größer ist als die kleinen Dörfer rund um die Burg seiner Ahnen. Nein, das wäre höchst unpassend und gefährlich. Es ist Silvester – nicht nur irgendein Silvester, sondern der Beginn eines neuen Jahrhunderts – alle werden wach sein und wenn er ehrlich war, würde er den Abend auch lieber mit Frau Carpek verbringen als auf der Flucht.

   

Die Pendeltür schwingt hinter ihnen wieder zusammen. Wie Danteslav bereits erwartete, ist der Raum voller Menschen. Sie sitzen an den Tischen, trinken, spielen Karten und krakeelen herum.  An der Seite sitzt ein Kerl am Klavier und gibt was er kann, während eine recht leicht bekleidete Dame auf der kleinen Bühne ihr Bestes gibt, um das Publikum zu unterhalten.

   

Hinten in der Ecke gibt es noch einen kleinen Tisch, an dem niemand sitzt. Der Wirt scheint ihn heute extra sauber gemacht zu haben. Ach, nicht schon wieder sitzen, denkt sich Lucie. „Lassen Sie uns doch zur Bar vorgehen. Da sieht man uns wenigstens.“ Schlägt sie vor. Da Danteslav sowieso nichts essen will, ist es ihm egal und sie gehen durch den Raum hindurch unter den Blicken der Einheimischen zur Bar.
„Was haben Sie zu Essen, junger Mann?“ wendet sie sich resolut an den dicken Mann hinter dem Tresen.
„Brot und Speck haben wir noch. Wenn Madam wünscht, können wir ihn auch noch braten.“ Erklärt dieser.
„Ja gerne. Zwei Portionen bitte.“ Bestellt Lucie. „Nein, bitte für mich nichts.“ Fällt ihr Orlok ins Wort.
Sie sieht ihn irritiert an aber bestellt dann das Essen für sich allein.

   

„Ich habe noch etwas in der Kutsche vergessen.“ Entschuldigt sich Danteslav bei seiner Begleitung. „Bitte beginnen Sie keine Schlägerei, während ich weg bin.“ Scherzt er und geht noch einmal durch die Menge nach draußen. Die Straße ist leer. Alle die noch wach sind, sind im Saloon und warten auf das Ende eines Jahrhunderts. Er selbst wartet nur auf das Ende seines Hungers und vielleicht auf das Ende einer sterblichen Kreatur. Vorsichtig geht er im Schatten der Häuser zurück zum Stall.

   

Morgen bekommt die Kutsche neue frische Pferde für das nächste Stück Richtung Westküste. Die Pferde der letzten Etappe bleiben hier und warten auf die nächste Postkutsche. Sie werden tief schlafen nach der langen Tour. Auch die Stallburschen sind inzwischen drüben im Saloon. Niemand ist hier. Danteslav schleicht sich zu den schlafenden Tieren, streichelt ihnen sanft über den Hals und sucht sich eine Stelle, die größtenteils von der Mähne verdeckt sein dürfte. In diese schlägt er seine Zähne. Das Pferd zuckt kurz aber schläft weiter, wenn auch unruhig. Das Blut der Barsängerin hätte ihm wohl besser geschmeckt. Aber man kann eben nicht alles haben.

   

Der Speck duftet lecker, wenn auch das Brot vom Vortag zu sein scheint. Nun, es ist wohl besser, wenn sie es nun isst, als dass es noch in das neue Jahrhundert mitgenommen wird, denkt sich Lucie und spült sich die trockenen Bissen mit Bier herunter.  Kaum so gut wie das Bier in Prag, aber dafür kann man wohl mehr davon trinken. Und dann entdeckt sie Danteslav an der Tür. Ohne darüber nachzudenken, beginnt sie ihm zu winken, als wäre er ein alter Freund. Sicher ist er ein Fremder, aber es kommt ihr so vor, als wäre sie verwandte Seelen. Vielleicht weil sie beide schon seit Monaten auf demselben Weg  hierhergekommen waren.  Oder auch weil sie spürt, dass der Fremde Mann genauso anders als die anderen ist, wie sie selbst. Sie lächelt bei dem Gedanken und winkt noch freudiger in seine Richtung.

   

Natürlich hat er sie schon längst entdeckt und kommt freudestrahlend  - und satt – auf sie zu.
„Schmeckt Ihr Essen?“ fragt er höflich.
„Oh, ich habe schon besser gegessen.“ Antwortet sie lachend.
„Nennt mich Danteslav.“ Erbittet der Vampir
„Nun, aber nur wenn Ihr mich Luci nennt, mein Freund.“ Antwortet sie freudestrahlend. 

   

Dann stoppt die Musik. Die Barsängerin bittet um Aufmerksamkeit und zeigt auf die große Standuhr in der Ecke. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Sängerin beginnt irgendetwas zu erzählen, von all den Chancen, die das neue Jahrhundert bringen wird. Sie erzählt von den Ereignissen des letzten Jahres aus ihrer kleinen beschränkten Sicht von der Bühne des Saloons aus. Kein Wort über Freuds Abhandlung zur Traumdeutung, nichts über die neueingeführte Führerscheinpflicht in Frankreich, nichts über die Ausgrabungen in Babylon.

   

Niemand hier weiß, was in Europa vor sich geht und niemanden interessiert es.  Aber auch für Lucie und Danteslav beginnt ein neues Jahrhundert weit weg von Europa mit all der Hektik der neuen Zeit. Alle hier scheinen nach vorne zu wollen. Nur eben sie nicht.
Dann schlägt die Uhr mit lautem  Gong und läutet das nächste Jahrhundert ein. Alle hier sind schon längst von ihren Sitzen aufgestanden und prosten sich nun zu. Gläser klirren und alle rufen sich ein „Happy New Year“ zu. Papierschlangen und Konfetti werden durch die Luft geworfen.  Graf Orlok haucht einen Handkuss auf die nach Lilien duftende rechte Hand Lucies. „Auf die Zukunft.“ Die Dame ist entzückt. So hat sie sich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gefühlt.  „Ja, auf die Zukunft.“

   

Und dann ist es da! Das neue Jahr und mit ihm das neue Jahrhundert.  Für alle um sie herum geht  der morgige Tag genauso weiter wie die Tage zuvor. Nichts würde sich ändern.  Sie würden ihrem Tagwerk nachgehen, Hunger und Not ebenso erfahren wie Freunde und Heiterkeit. Auch wenn sie jetzt feierten.  Das Leben blieb. Nur eine Zahl auf dem Kalender änderte sich.  Nur für zwei Menschen in diesem Raum begann heute Nacht etwas Neues. Ein neues Jahr, ein neues Jahrhundert. Aber vor allem eine neue Freundschaft.
    
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Reisebekanntschaften - von Ischade - 01.05.2020, 08:25
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RE: Reisebekanntschaften - von Ischade - 03.05.2020, 06:51
RE: Reisebekanntschaften - von die Osebergs - 03.05.2020, 15:30

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