01.05.2020, 13:40
Unerwarteter Verrat
Es war ein ereignisloser Tag. Die Kutsche rollte über die staubige Straße und Lucie Carpek widmete sich wieder Jules Verne. Am Morgen war sie noch enttäuscht gewesen darüber, dass sie nun mit zwei Männern reiste und doch ohne Gesellschaft in der Kutsche saß und niemanden zum Plaudern hatte.
Nicht genug, das Danteslav wieder ohne ein Wort verschwunden war, Der dem Wind folgt ritt neben der Kutsche her und war glücklich damit, seine Kiste im Auge zu behalten. Aber dann beschloss sie, sich wieder mit dem Schicksal des Phileas Fogg zuzuwenden und bemerkte schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr, wie die Zeit um sie herum verging.
Die Kutsche musste einen Umweg machen und die Straße verlassen um den nächsten Ort anzufahren. Es gab noch sehr wenige Orte hier und diese waren weit gestreut. Moontown war nur ein winziger Ort. Der kleinste in dem sie bisher gehalten hatten.
Wenige Siedler waren hier mit den Überlebenden ihres Trecks gestrandet. Waren hier geblieben und hatten ein Städtchen gebaut, anstatt solange weiterzufahren, bis auch noch die letzten von ihnen gestorben waren. Aber seit dem hatte sich hier noch einiges verändern.
Die Kutsche hielt und Lucie steckte das Buch ein. Noch ehe der Kutscher kam, um ihr die Tür zu öffnen, stieg sie bereits selbst aus. Sie schaute nach hinten zu Der dem Wind folgt, welcher von seinem Pferd abstieg und es erst einmal zur Tränke führte.
Aus dem Saloon hörte sie Musik. Sie hatte schon so lange keine Musik mehr gehört.
„Lass uns rein gehen.“ Rief sie Der dem Wind folgt zu. Und sie gingen gemeinsam hinein.
Von den Siedlern, die das Städtchen ursprünglich gebaut hatten, war kaum noch jemand da. In der Ecke des Raumes standen drei Mariachi und spielten. Und auch sonst waren genauso viele Mexikaner wie Siedler im Saloon. Alle hatten gute Laune, was Lucie sehr gefiel.
Der Kutscher hatte veranlasst, dass die Kisten wir immer auf drei Hotelzimmer verteilt wurden. Aber er hatte trotzdem keine Ruhe. An statt schlafen zu gehen, ging er noch etwas durch den Ort.
Als Danteslavs Kiste in seinem Zimmer angekommen war und er sicher sein konnte, dass er allein im Raum war, öffnete er das Schloss von innen und erhob sich.
Er wischte die Erde von seiner Kleidung, tunlichst darauf achtend, dass kein Krümelchen neben der Kiste landete. Er brauchte die Erde. So oder so. Er konnte sie nicht auf Dauer in der Kiste mit sich herum tragen. Das musste anders gehen.
Irgendwann wäre ihr Zauber womöglich verbraucht. Und was wäre, wenn sie verloren ginge? Er zog noch ein Buch aus der Erde hervor. Das in dem er schon seit Tagen las. Wieder las er dieselben Absätze, wie schon in den Nächten zuvor. Eine Ausführung eines Prager Rabbiners aus dem 16 Jahrhundert.
Ja, das müsste funktionieren. Aber nicht jetzt! Er hatte Hunger und es machte es ihm unmöglich klar zu denken. Er legte das Buch zurück in die Kiste und verschloss sie. Dann wollte er den Raum verlassen. Aber man hatte ihn von außen verschlossen, da man ihn natürlich außerhalb wähnte. Kurzerhand öffnete er das Fenster und sah hinaus.
Alle schienen im Saloon bei der Musik zu sein. Er breitete seine Flügel aus und glitt lautlos hinunter auf die Straße.
Was er nicht gesehen hatte, was der Kutscher, der sich zwischen den Häusern versteckt und alles mit angesehen hatte. Ihm schauderte, aber seine Neugierde war doch größer.
Also beobachtete er Danteslav von weitem. Er sah, wie der Vampir zu den Ställen hinüber ging und schlich ihm langsam hinterher. Die Angst verhinderte, dass er mehr sah, als dass er bei den Pferden war.



