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Fredeswinds Märchenschatztruhe
Und da grub er von ungefähr ein Totenbeinlein aus von der getöteten Prinzessin, das war so rein und weiß wie Schnee. Und der Hirtenknabe machte ein paar Löchlein in das Beinlein, so wurde daraus eine kleine Flöte. 

   



Diese setzte der Hirtenknabe an seine Lippen und blies. Da quollen klagende Töne aus dem Totenbeine, ach, so unendlich traurig, und es war ordentlich, als singe in demselben eine weinende Kindesstimme, dass der Hirtenknabe selbst weinen musste, und konnte doch nicht aufhören zu blasen.

   


 
Es lautete aber das klagende Lied also:

O Hirte mein, o Hirte mein,
Du flötest auf meinem Totenbein!
Mein Bruder erschlug mich im Haine.
Nahm aus meiner Hand
Die Blum, die ich fand,
Und sagte, sie sei die seine.
Er schlug mich im Schlaf, er schlug mich so hart -
Hat ein Grab gewühlt, hat mich hier verscharrt -
Mein Bruder - in jungen Tagen.
Nun durch deinen Mund
Soll es werden kund,
Will es Gott und Menschen klagen.“


   



Und immer war nur das eine und immer das eine Lied aus der beinernen Flöte zu bringen, und immer blies es der junge Hirte wieder, während ihm jedes Mal die hellen Tränen über die Wangen herabrollten.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

Inhalt Fredeswinds Märchenschatztruhe


"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!"

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Wenn das klagende Lied im Walde erklang, da wurden alle Vögelein stumm und traurig, hingen Köpflein und Flügel und schwiegen; auch die Käfer und Bienen summten nicht mehr, und selbst das Murmeln der plätschernden, geschwätzigen Quelle war nicht mehr zu hören - es wurde so recht, was man sagt: totenstill.

   



Schallte das klagende Lied über eine Trift, so hingen die Tiere wehmütig die Häupter, und keines gab einen Laut; auch der Hund bellte nicht mehr und sprang nicht, wie sonst, fröhlich umher, vielmehr duckte er sich und winselte ganz leise, denn es war für alle Kreatur etwas Herzzerschneidendes in dem klagenden Liede. 

   



Aber der Hirtenknabe konnte nicht müde werden, dieses Lied zu flöten, bis einst ein Rittersmann vorüberkam, der hörte auch das Lied und fühlte, dass seine Augen tropften, und hielt und ließ nicht nach, bis der Hirtenknabe ihm, dem Ritter, die kleine Flöte käuflich abtrat.

   


 
Und nun zog der Ritter im ganzen Lande herum, blies das Lied und brachte mit demselben alle Welt zu Tränen.

   
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So kam dieser auch an den Hof, wo der junge König auf dem Throne saß, von dem das Lied sang und klagte und die alte Königin Mutter lebte auch noch.

   



Es wurde ihr Kunde gebracht von dem ritterlichen Spielmanne, der ein Lied flöte, von dessen Melodie alle Herzen erzitterten und alle Seelen mit tiefer Trauer erfüllt würden.

   


 
Die alte Königin aber, die stets traurig war, sprach: „Was könnte es in der Welt geben, das trauriger wäre als meine Trauer? Ich wüsste nichts, mich wird das klagende Lied des Spielmannes nicht trauriger machen, als ich ohnehin bin. Lasset ihn immerhin kommen.“

   



Der ritterliche Spielmann kam und blies: 

O Ritter mein, o Ritter mein,
Du flötest auf meinem Totenbein!
Mein Bruder erschlug mich im Haine.“


   
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Kaum hatte die alte Königin diese wenigen Worte vernommen, so schoss schon ein Tränenstrom aus ihren Augen - aber als es weiter tönte: 

Nahm aus meiner Hand
Die Blum, die ich fand,
Und sprach, sie wäre die seine.“


   



Da stieß die Königin einen gellenden Schrei aus und fiel in eine tiefe Ohnmacht. Der Spielmann erschrak darüber und wollte absetzen, aber das konnte er nicht - das Lied wollte jedes Mal, wenn es begonnen war, zu Ende gespielt sein.

   



Und als der letzte Ton mit tiefer Klage verzitterte, da erwachte die Königin aus ihrer Ohnmacht und rief: „Mir, mir die Flöte! Um alle meine Schätze - mir diese Flöte!“

   



Und der ritterliche Spielmann ließ der Königin die beinerne Flöte und sagte, er begehre keine Schätze - und nahm nichts an und zog weiter.

   
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Und die Königin schloss sich ganz allein in ihre tiefsten Gemächer und blies das Lied und weinte so lange, bis sie fast keine Tränen mehr hatte.

   



Der König aber war ein lebenslustiger froher Herr geworden, der hatte seine Freude an Sang und Klang, feierte gern heitere Feste und freute sich seines Lebens. Einst geschah es, dass er auch ein Fest zu feiern beschlossen hatte, und es waren zahlreiche Sänger und Spielleute bestellt und zahlreiche Gäste eingeladen worden. 

   



Der Sitte gemäß hatte der junge König nie unterlassen, seine Mutter auch jedes Mal einzuladen zu seinen Festen, aber sie hatte niemals teilgenommen, weil sie, wie sie dem Sohne dankend sagen ließ, zu viele Trauer im Herzen habe. Als aber dieses Mal die Einladung wiederum an sie gelangte, da ließ sie sagen, sie werde teilnehmen. Dies wunderte den König und befremdete ihn, und er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte.

   



Da nun alle Gäste in bunter Pracht versammelt waren und alle Sänger und Spielleute bereit und der Hof eintrat in den herrlich geschmückten Königssaal, darin das Fest stattfand, so erregte es fast eine bange Verwunderung, die alte Königin zu sehen in langem schleppenden, schwarzen Trauergewande und im Witwenschleier.

   
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Der Jubel der Instrumente, der Harfen und Pauken, Flöten und Cymbeln aber brach los, und die Chöre der Sänger begannen in erhabenen Weisen eine Hymne zum Preise des Königs.

   



Was aber tut die alte Königin? Sie setzt sich nicht, sie steht starr, wie ein Marmorbild. Was hält sie denn für ein seltsames kleines Szepter in der Hand? Das ist ja kein Szepter, das ist ein Totenbein. Und warum hebt sie denn dies Totenbein zum Munde? Warum hält sie es so, wie Spielleute ihre Flöten halten?

   



Horch! Ein Ton - und es verstummen alle Pauken und Harfen und Cymbeln - noch ein Ton, und jeder Sängermund wird stumm. Dort aber sitzt der König und blickt entsetzt, von ungeheuerem Grauen durchrieselt, auf seine Mutter, und alle, alle blicken auf die alte Königin.

   



Die alte Königin spielt ein Flötensolo. 

O Mutter mein, o Mutter mein -
Du flötest auf meinem Totenbein!“


Da erbeben, erzittern schon alle Herzen, da bleibt schon kein Auge trocken, Hofstaat und Gäste, Sänger und Spielleute, alle weinen.

   
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„Mein Bruder erschlug mich im Haine.“

Ha!“, schreit der König, und das Szepter entsinkt seiner Hand, und er fasst mit beiden Händen nach seiner Krone. 

Nahm aus meiner Hand
Die Blum, die ich fand,
Und sagte, sie sei die seine.“


   



Da rollte die Krone von des Königs Haupte herab, fiel auf den Boden und zerschellte. Es klang, als ob ein Totenschädel auf dem Marmor rasselte. 


Er schlug mich im Schlaf - er schlug mich so hart -
Hat ein Grab gewühlt, mich im Walde verscharrt -“


   



Da stürzte der König selbst vom Throne herab und fiel auf sein Angesicht und stöhnte und wimmerte.


Mein Bruder - in jungen Tagen.“

   



Der König wand sich in Todeszuckungen und bäumte sich und schrie: 

Ende! Mutter - ende!“

   
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Aber die alte Königin konnte nicht von selbst das klagende Lied beendigen, es tönte fort: 

Nun durch deinen Mund
Soll es werden kund,
Will es Gott und Menschen klagen.“


   



Da flohen, während diese Worte entsetzlich und zermalmend, und doch gar nicht laut, vernommen wurden, alle Gäste, Spielleute, Sänger und Hofdienerschaft zu allen Türen des Saales hinaus - darüber Instrumente und Sessel viele zerbrachen, und die Kerzen löschten aus, bis auf zwei. 


   



Und als das Lied zu Ende geklungen war, war niemand mehr im weiten Saale als nur die Königin im Trauergewande und ihr sterbender Sohn in seinem bunten Flitterstaate, reich besetzt mit Gold und Perlen. 

   



Und sie kniete neben dem noch immer am Boden liegenden Sohne nieder, hielt sein Haupt in ihren Händen und weinte heiße Tränen darauf. Da löschte langsam die eine der beiden noch brennenden Kerzen aus.

   



Die alte Königin aber weinte und betete noch bis Mitternacht - dann verlöschte sie selbst die letzte Kerze und zerbrach die Flöte, auf dass niemand mehr das klagende Lied vernehme.

   



ENDE
Fredeswind Märchenschatztruhe

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Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Liebe Insulaner und Märchenfreunde,   Kavalier

mit diesem Märchen möchte ich mich in die Sommerpause verabschieden. Also wundert euch nicht, wenn ihr die nächsten paar Wochen nichts, oder nur sehr wenig von mir hört.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sommer, denen die im Urlaub sind, oder jenen, die die nächste Zeit in den Urlaub gehen einen schönen erholsamen Urlaub! 
Palme 
relax 1
Smilie_insel2 

LG von der Märchenfee Fredeswind   fee
Fredeswind Märchenschatztruhe

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(25.06.2019, 12:08)Fredeswind schrieb: Liebe Insulaner und Märchenfreunde,   Kavalier

mit diesem Märchen möchte ich mich in die Sommerpause verabschieden. Also wundert euch nicht, wenn ihr die nächsten paar Wochen nichts, oder nur sehr wenig von mir hört.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sommer, denen die im Urlaub sind, oder jenen, die die nächste Zeit in den Urlaub gehen einen schönen erholsamen Urlaub! 
Palme
 relax 1
Smilie_insel2 

LG von der Märchenfee Fredeswindfee

Schönen Sommer und erholsame Ferien!
Vielen dank für deine Märchen!

Das Märchen hat mir sehr gut gefallen sehr stimmig und wie immer toll erzählt! Auch wenn die die Geschichte sehr grausam ist.
Danke
Sören
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