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Fredeswinds Märchenschatztruhe
Ich dankte, ein Soldat nahm mein Bündel, und unter Händeschütteln von meinen Mitgefangenem Abschied nehmend, übersiedelte ich nun unverzüglich in das auf dem Zitadellhofe gelegenen aristokratische Viertel. Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag.

   


Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits schwer zu zahlen, denn ein Nachmittagskonversation, die nie unter zwei Stunden, einmal aber volle vier Stunden dauerte, war eine Anstrengung für mich… Es trat dabei schließlich, Mal für Mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein. Wie immer dem sei, es war wohlgemeint.

   


Am 29. 0ktober, drei und ein halbe Woche nach meiner Gefangennahme in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Gefangenschaft ‚far in the west‘ (weit in den Westen) abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so anstrengend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schrecknis. Wer als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was das sagen will.

   


Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hof an, außer mir noch fünf kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei auf den Bahnhof hinaus. Der Nebel fiel fast wie Regen.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

Inhalt Fredeswinds Märchenschatztruhe


"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!"

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Von Besançon bis Lyon werden noch nah an dreißig Meilen sein. Die Landschaft hat anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passieren hatten, zeigen sich Bilder von eigentümlichen Reiz… Dann änderte sich das Bild. Wir hatten die Jurakette blau und duftig zur Linken, nach rechts dehnte sich ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen Höhenzügen kulissenartig durchzogen…

   


Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein. In der Dämmerung erreichten wir den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons. Als wir in der zweiten Bahnhofshalle hielten, war es dunkel… Vom Bahnhof aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf. Nach zehn Minuten hielten wir vor dem Gefängnis, pochten und traten auf den Hof. Die Gendarmen und einige unliebsame Gestalten, die trotz Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen lebhaft hin und her.

   


Endlich wurde ich aufgefordert einzutreten. Die armen Badener wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen ein Schreiben vorzuzeigen, das mir kurz vor meinem Aufbruch von Besançon eingehändigt worden war und sozusagen meine französische Ernennung zum ‚officier supérieur‘‚ zugleich eine Aufforderung an alle Militär- und Zivilbehörden enthielt, ‚mir meinem Range schuldigen Ehren‘  zu erweisen...

   


Inzwischen waren andere Beamte erschienen, unter ihnen der eigentliche ‚gardien-chef‘, ein geborener Pariser… Die wohlakzentuierte Rede meines neuen ‚Prinzipal‘ hatte wenigstens das Gute, dass Platz für mich geschafft und eine Art Fremdenstube zu meiner Aufnahme hergerichtet war.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

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"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!"

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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In diese trat ich jetzt ein. Im ersten Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte Alte-Wäsche-Kiste. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken, Strümpfe, Chemisen (Damenkleider) aller Art und Grade lagen in den Ecken aufgeschichtet, dazwischen halberbrochene Bücherkisten, Koffer von Seehundfell, die längst die letzte Borste eingebüßt.

   


Da hingen rote Militärhosen (letzte Garnitur), verstaubte Uniformröcke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen. Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett.

   


Aber der gardien-chef, der selbst empfinden mochte, wie wenig das alles den Ansprüchen eines officier supérieur stimmte, half aus eigenen Mitteln nach und erschien mit einem braunkarierten Plumeau, mir dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Komfort und Luxus schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder vorher noch nachher, gehabt habe.

   


Enfin (schließlich)– ich kauerte mich in meinem Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden, und schlief ein, während die Spinnweben leise über mir wehten.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

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"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!"

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Der Reisebericht ist nach wie vor klasse und die Bilder dazu...allererste Sahne. :dau:

Wobei ich zugeben muss, dass ich bewusst von Fontane noch nie viel gelesen habe.
Du schaffst es aber immer wieder, dass ich dann auch mal google, wer das war, was hat er noch gemacht usw.
Hihi, hätte man damals in der Schule auch mit Playmobil bebilderte Bücher gehabt...das wäre schon klasse gewesen. Smile


LG Floranja89Susanne 

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Thanks given by: Fredeswind
(17.09.2019, 10:03)Floranja89 schrieb: Der Reisebericht ist nach wie vor klasse und die Bilder dazu...allererste Sahne. :dau:

Wobei ich zugeben muss, dass ich bewusst von Fontane noch nie viel gelesen habe.
Du schaffst es aber immer wieder, dass ich dann auch mal google, wer das war, was hat er noch gemacht usw.
Hihi, hätte man damals in der Schule auch mit Playmobil bebilderte Bücher gehabt...das wäre schon klasse gewesen. Smile

Danke Danke Rotwerd Rotwerd 

Ich habe von Fontane schon ziemlich viel gelesen und mag ihn eigentlich ganz gern. Nur an die' Wanderungen durch die Mark Brandenburg' mit über 1100 Seiten (stöhn), habe ich mich noch nicht herangewagt. Aber diesen Bericht über die Kriegsgefangenschaft kannte ich eben auch noch nicht.
Immerhin bist du durch diese Geschichte neugierig auf Fontane geworden und hast 'Tante Google' befragt, das finde ich gut. Da soll einer sagen, ein solches Forum bildet nicht.  Zwink

Kicher Da hast du recht, Schulbücher mit Playmobilbildern, eine reizvolle Idee, das wär toll gewesen.

LG von der Märchenfee Fredeswind  [Bild: 142_fee.gif]
Fredeswind Märchenschatztruhe

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Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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(17.09.2019, 15:18)Fredeswind schrieb: Kicher Da hast du recht, Schulbücher mit Playmobilbildern, eine reizvolle Idee, das wär toll gewesen.

LG von der Märchenfee Fredeswind  [Bild: 142_fee.gif]
Hätte die Bildung der Schulkinder sehr gefördert und Fontane hätte viel mehr Spaß gemacht.

Zwink

Ich bin erstaunt, wie gut glatte weiße Wände mit "Stein"pfeilern zusammenpassen.
:dau:
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Thanks given by: Floranja89 , Fredeswind , Der Archivar
(17.09.2019, 18:10)Schoko-Queen schrieb:
(17.09.2019, 15:18)Fredeswind schrieb: Kicher Da hast du recht, Schulbücher mit Playmobilbildern, eine reizvolle Idee, das wär toll gewesen.

LG von der Märchenfee Fredeswind  [Bild: 142_fee.gif]
Hätte die Bildung der Schulkinder sehr gefördert und Fontane hätte viel mehr Spaß gemacht.

Zwink

Ich bin erstaunt, wie gut glatte weiße Wände mit "Stein"pfeilern zusammenpassen.
:dau:

Danke  Rotwerd 

Bei den Wänden habe ich rumprobiert, weil die Gefängnisse ja schließlich nicht alle gleich ausschauen sollen. Aber sie ähneln sich natürlich trotzdem immer wieder.
LG von der Märchenfee Fredeswind  [Bild: 142_fee.gif]
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Thanks given by: Schoko-Queen
2. LYON


In alle Frühe war, ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine junge Frau, die Besitzerin eines nahegelegenen Cafès erscheinen, die nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel... Denn überall bestehen rätselvoll-geheime Beziehungen zwischen Gefängnisautoritäten und den nahe gelegenen Restaurants.

   


Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich ein Gefallen fand, tat mir wohl und war jederzeit ein Lichtschein, der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel.

   


Durch die langen Unterhaltungen, die ich in Besançon geführt hatte… war ich über die Stimmung in der Rhônehauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte bereits die Masse oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt die Herrschaft zu übernehmen.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

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Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angetan war das fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnisvorstandes kamen, um mit mir zu politisieren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren Formen, aber sichtlich aufgeregt und zerstreut. Endlich sollte ich erfahren, was los war: Bazaine hatte kapituliert. Die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle.

   


Die letzten Besucher hatten mich gerade verlassen und ich suchte es mir in einer Art Gartenstuhl, in dem ich die Füße auf den aufgeplatzten Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen von den Türmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder, ein Läuten begann, wie ich es mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht auch nie wieder hören werde.

   
 

Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle zehn Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke in regelmäßigen Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in dies großartig ernste und zugleich melodische Konzert klang das disharmonische Geschrei und Gekrächz kleiner und allerkleinster Glocken, wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Piccoloflöten kreischt.

   
Kathedrale St. Jean


Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das Herz. Was war es? War ein Feuer ausgebrochen? Nein! Kein Lichtschein rötete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das Pflaster; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die Straße herauf, immer näher.

   
Fredeswind Märchenschatztruhe

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Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
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Jetzt bin ich mal nicht dazu gekommen in den letzten Tagen rein zu schauen.
Eine interessante Fortsetzung! Kann es sein das der Herr Fountain in eine Revolution gestolpert ist? 
Wir werden es sehn! Bin wie immer gespannt.
Die Bilder sind wie immer sehr gut!
:008-kavalier:
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Thanks given by: Fredeswind


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